Athen

Münzstand: Stadt
Nominal: Dekadrachme
Datierung: nach 467 v. Chr.
Münzstätte: Athen

Vorderseite: Kopf der Athena nach r. Die Göttin trägt Ohrschmuck und einen attischen Helm, der mit drei senkrecht stehenden Olivenblättern geschmückt ist.
Rückseite: A-Θ-E. In Vorderansicht aufrecht stehende Eule mit abgespreizten Flügeln in einem vertieften Viereck (sog. quadratum incusum), im l. F. oben ein Olivenzweig mit zwei Blättern.

Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Accession 1875 Prokesch-Osten Zugangsart Kauf

Silber, Dekadrachme, 42,60 g, 35 mm, 3 h

Vorbesitzer:
1. Graf Anton Prokesch von Osten 1852 - 1875
2. Michael Iatros - 1852

Literatur: W. S. W. Vaux, Numismatic Chronicle 1853, 30 (dieses Stück); A. von Prokesch-Osten, Inedita meiner Sammlung autonomer altgriechischer Münzen (1854) 29 Taf. 2,76 (dieses Stück); F. Mainzer, Das Dekadrachmon von Athen, ZfN 36, 1926, 37-54; Ch. Seltman, Athens. Its history and coinage before the Persian invasion (1924) 211 Nr. 446 Stempel A301/P381 Taf. 20 (dieses Stück, ca. 486 v. Chr., löste eine rege Diskussion über die Datierung aus); A. von Sallet - K. Regling, Die antiken Münzen ³(1929) 11 mit Abb. (dieses Stück); P. R. Franke - M. Hirmer, Die Griechische Münze ²(1972) Nr. 357 Taf. 12 (dieses Stück); W. Fischer-Bossert, The Athenian Decadrachm. ANS Numismatic Notes and Monographs 168 (2008) 33 f. Nr. 1 Taf. 1, A; 9 (dieses Stück, mit Lit.). - Zur Erwerbungsgeschichte vgl. auch ebd. 81-83. - Zur Person Prokeschs s. D. Bertsch, Anton Prokesch von Osten (1795-1876). Ein Diplomat Österreichs in Athen und an der Hohen Pforte. Beiträge zur Wahrnehmung des Orients im Europa des 19. Jahrhunderts (2005).

Kleine Stempelverletzung über dem Auge der Athena auf der Vs. - Am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. beschlossen die Tyrannen von Athen, ihre Münzen zu verändern. Die alten Münzen mit bis zu 12 verschiedenen Bildmotiven eigneten sich nicht mehr für die Bedürfnisse des Fernhandels. Es wurde eine neue Einheitsmünze geschaffen, die heute zu den bekanntesten antiken Münzen überhaupt zählt. Sie zeigt auf der Vorderseite den behelmten Kopf der Stadtgöttin Athena. Auf der Rückseite ist in einem vertieften Quadrat (sog. quadratum incusum) eine stehende Eule dargestellt. Sie hält den Körper in Dreiviertelansicht zur Seite gewandt. Ihr Kopf aber ist frontal auf den Betrachter gerichtet, den sie aus großen runden Augen anblickt. In der langen Reihe der gleichförmigen athenischen „Eulen“ findet sich nur ein einziger Typ, der aus dem Rahmen fällt. Diese besondere Münze ist eine Dekadrachme, eine Münze im Wert von 10 Drachmen. Üblich waren in Athen Tetradrachmen, Münzen im Wert von vier Drachmen. Das Dekadrachmon überragte alle anderen athenischen Münzen an Größe und Gewicht. Der zweite Unterschied liegt im Aussehen der Eule. Sie steht aufgerichtet in Frontalansicht mit weit ausgebreiteten Flügeln vor dem Betrachter. Dieses Bild ist so auffallend, dass ihm eine besondere inhaltliche Bedeutung beigemessen werden muß. In welcher historischen Situation wurde diese Münze geschaffen? Das Dekadrachmon läßt sich aufgrund von Schatzfunden in die Jahre kurz nach 467 v. Chr. datieren. Das Trauma der Zerstörung Athens und der Akropolis durch die Perser lag zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre zurück. Athen hatte in dem Delisch-Attischen Seebund ein Kampfbündnis gegründet, für das es mit vielen Inseln und Küstenstädten bilaterale Verträge geschlossen hatte. In den Jahren nach 480 v. Chr. drängten die Flotten unter athenischer Leitung die Perser immer weiter aus der Ägäis zurück. 467 war es den Athenern unter ihrem Admiral Kimon gelungen, die Perser an der Südküste der Türkei am Fluß Eurymedon (heute Köprü-Su bei Aspendos) vernichtend zu schlagen. Neue Städte traten dem Seebund bei, die unmittelbare Persergefahr schien gebannt. Athen gewann aus diesen Siegen Selbstbewußtsein und wuchs in die Führungsrolle hinein. Das Dekadrachmon, das für Großzahlungen im Fernhandel genutzt wurde, scheint nur vor dem Hintergrund dieser Siege verständlich. Die frontal stehende Eule mit den weit abgespreizten Flügeln, angriffsbereit und aggressiv, spiegelt den neuen Stolz der Athener infolge der Siege über die Perser. Für sich selbst und nach außen demonstrierten sie mit dem Münzbild ihre Bereitschaft zur Übernahme von Macht und Herrschaft. Es sind nur wenige Dekadrachmen überliefert, sie zählen heute zu den ganz großen numismatischen Raritäten. Diese Seltenheit zeigt, daß diese Münzen nicht in dem erwarteten Maße akzeptiert wurden, wohl nicht einmal bei der eigenen Bevölkerung. In Athen begann die Diskussion, wie man mit der aus dem Schutzbündnis entwachsenen neuen Weltlage umgehen sollte. Möglicherweise wurde wegen dieser Diskussionen das Dekadrachmon mit der „Kampfeule“ wieder abgeschafft. Als zu symbolträchtig mag man in einer bildarmen Zeit die Bildsprache auf den Münzen, dem einzigen Massenmedium der Antike, empfunden haben. In einer Zeit, in der der Delisch-Attische Seebund noch zu Bundesversammlungen zusammentrat, mochte aggressives Führungsstreben befremden. Wenige Jahre später wurde der Hegemonialanspruch Athens (gr. Arché) unverblümt erhoben. Die Bundeskasse wurde 454 v. Chr. von Delos nach Athen in den Parthenon verlagert, und Athen verlangte von den Bundespartnern, die eigenen Münzprägungen zugunsten der athenischen Eulen aufzugeben.

Fotograf Vorderseite: Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann)
Fotograf Rückseite: Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann)

Münzpatenschaft: Heinrich Ihl

Zitierweise für dieses Objekt: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 18200870

letzte Änderung: 28.11.2017